Literaturkritik & Feuilleton, die jungen Independents, Buchhandelskonditionen, die Umsatzentwicklung des Buchhandels,
Verkaufszahlen von Bestsellern, die Entwicklung der Buchhandelsketten, Schormann bei Bush, Leselust & Käse ...
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
viele erwarten von mir mal wieder einen neuen GVA-Rundbrief zur Lage der Branche, zur Entwicklung des Geschäfts ...
Ich hätte da einiges zu bieten, aber in manchen Dingen bin ich ja zur Verschwiegenheit verpflichtet. Ich darf nicht einfach über
dieses und jenes plaudern ... Ich beziehe mein Wissen ja vor allem aus der Praxis der GVA, kenne die Erfolge und Misserfolge ihrer Verlage ...
Ich weiß, was sie investieren und wo sie gelegentlich Fehler machen. Ich bekomme auch ein wenig mit von dem Geschäft der
Vertreterinnen und Vertreter, sehe, was sie leisten können und was nicht. Ich erlebe Buchhandlungen, die seit Jahren am Rande des
Abgrunds stehen. Ich verfolge die Branchenpresse, beobachte die Großen in diesem Gewerbe.
Bei vielen dieser Geschichten wird's doch erst spannend, mögen jetzt fast alle einwenden - zu Recht. Aber gelegentlich muss man auch
an sich halten. Nur so viel - vielleicht manchmal durchaus überspitzt, dabei hier und da bewusst unkonkret
(denn Namen kann ich nicht immer nennen), gelegentlich mit einer persönlichen Note:
Das Gewerbe wird zunehmend langweilig
Der Buchhandel ist für nichts mehr richtig zu begeistern. Da können sich die Verlage auf den Kopf stellen und »Hurra«
schreien, die Medien Titel feiern ...
Ich sage es nicht zum ersten Mal: Die Literaturkritik beschäftigt sich oft mehr mit sich selbst als mit dem zu Rezensierenden.
Der Kritiker will glänzen - nicht selten auf Kosten des Autors. Es gibt zu viele kleine Reich-Ranickis, deren Unterhaltungswert
allerdings meist gegen Null tendiert. Es werden oft nur noch Spalten gefüllt. Da ist mir ein gesalzener Verriss lieber als diese
kraftlose Brühe, die zumeist serviert wird.
Das Feuilleton wird zunehmend weniger zur Kenntnis genommen. Früher zählte eine gute Besprechung in der »Süddeutschen«,
der »FAZ« oder der »Zeit«, heute nicht mehr in diesem Maße. Natürlich kann die eine oder andere Rezension
noch etwas herausreißen, aber der Otto-Normal-Buchhändler lässt sich davon kaum noch beeinflussen.
Die jungen Independents, die in den letzten Jahren neugegründeten Verlage, die etwas wagen, neue Autorinnen und Autoren präsentieren,
schön gestaltete Bücher auf den Markt bringen, werden zurzeit mit überschwänglichem Lob von der einschlägigen Presse
überschüttet, bundesweit. Was hilft's? Sie dürfen froh sein, wenn sie auf 4.000 verkaufte Exemplare kommen und nicht bei
1.000 oder weniger verrecken. Und: Sie können sich gar nicht vorstellen, was diese Verlage investieren müssen, wie viele
Rezensions- und Leseexemplare sie raushauen ... (Bitter: Das eine oder andere wird dann über Amazon als »gebraucht« angeboten.
Jemand will neulich in einem Antiquariat ein Buch gesehen haben, das vom Verlag noch nicht einmal ausgeliefert worden war.
Kann passieren, wenn ein Verlag vorab die Medien bedient.)
Nur, glauben Sie ja nicht, dass es den etablierten Verlagen besser geht. Die Masse ihrer Titel geht genauso unter. Und wenn sie mit Gewalt
einen Starautor präsentieren, ordert der Buchhandel besinnungslos - Harry Potter lässt grüßen. Über Remissionsquoten
schweige ich.
Der Buchhandel pflegt eine Low-Risk-Mentalität. Nicht wenige Vertreter (natürlich nicht alle) antworten mit der
Best-Conditions-Attitüde und wollen Verlage darauf einschwören. RR = Rückgaberecht wird zunehmend zu einer Selbstverständlichkeit
(und muss auf Reiseaufträgen mancher Verlage nur noch angekreuzt werden). 60 Tage Valuta wird hier und da als Standard angeboten.
(Wer weiß eigentlich, was Valuta bedeutet, frage ich mich.) Fehlt nur noch portofreie Lieferung.
Wenn solche Konditionen Standard werden, selbst wenn nur ein einziges Exemplar bestellt wird, was sollen Verlage und ihre Vertreter
größeren Kunden noch anbieten? 180 Tage Ziel? Sie lachen darüber?! Gibt es schon, kein Witz. Libri setzt bei manchen Verlagen,
die neu gelistet werden wollen, dieses Zahlungsziel für Novitäten durch. (Die GVA spielt da aber nicht mit.
Gleiches gilt für Rabattforderungen über 50 Prozent.)
Fakt ist, Verlage wollen sich immer mehr über ihre Konditionen Zutritt zu einer Buchhandlung verschaffen, nicht über ihr Programm.
Demnächst können sie - wie in den USA - Regalmeter in einer Buchhandlung anmieten, wollen sie noch präsent sein. Wer in
deutschen Bahnhofsbuchhandlungen mit seinen Titeln ins Schaufenster will, muss dafür bei manchen schon jetzt löhnen, war im
»Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel« am 10.3.2005 zu lesen:
»Über die Agentur Verkehrswerbung Hochstein können Verlage zentral rund 70 Schaufenster von Bahnhofsbuchhandlungen buchen
- komplett oder als Teilfläche.«
Ich wundere mich darüber, wie schnell solche Forderungen des Großbuchhandels von den Verlagen und ihren Vertretern akzeptiert werden,
wie wenig man sich mit gleichgesinnten Verlagen abstimmt, um bestimmten Geschäftspraktiken Einhalt zu gebieten.
Flaute im Buchhandel
Soll ich wieder einmal über die Langendorfs & Co. berichten, die es nicht schaffen, verlässliche Daten über die
Umsatzentwicklung des Buchhandels zu liefern? Nur so viel: Offensichtlich hält die Flaute an.
0,7 Prozent Minus 2004 gegenüber dem Vorjahr im deutschen Buchhandel, meint Umsatztester Boris Langendorf am 4.1.2005.
Sechs Tage später korrigiert er sich: nur 0,4 Prozent weniger gegenüber 2003, dank des guten Dezembers mit einem Plus
von 2,3 Prozent. Wiederum zwei Tage später berichtet dieselbe Quelle »börsenblatt online«:
»Der stationäre mittelständische Buchhandel hat seine Umsätze im Dezember 2004 im Vergleich zum Vorjahresmonat
um zwei Prozent steigern können. Das melden die Teilnehmer am monatlichen Betriebsvergleich, den das Institut für Handelsforschung
an der Universität Köln im Auftrag des Börsenvereins durchführt. Allerdings stand den Buchhändlern im Dezember 2004
auch ein Verkaufstag mehr zur Verfügung als im Jahr zuvor. Für das Jahr 2004 ergibt sich damit nach IfH-Berechnungen ein ebenso
hoher Umsatz wie 2003. Der Branchen-Monitor Buch kommt für das Sortiment auf ein Minus von 1,2 Prozent im Jahr 2004.«
Nur zur Erinnerung: Für den Sortimentsbuchhandel hatte Langendorf bereits im Jahr 2003 ein Minus von 1,5 Prozent gegenüber 2002
festgestellt. »Buchreport« wollte damals einen Umsatzrückgang um 2,24 Prozent erfragt haben, während das Institut
für Handelsforschung an der Universität zu Köln seinerzeit von einem Umsatzplus von einem Prozent im deutschen Sortimentsbuchhandel
für 2003 sprach.
Freundlich formuliert: 2003 war kein gutes Jahr für den Buchhandel. 2004 lief es eher schlechter als besser. Und 2005 geht es, glaubt man
den Ergebnissen der ersten Umfragen, noch mieser weiter. Langendorf will herausgefunden haben, dass in den ersten Monaten des Jahres 2005
ein Minus von 1,8 Prozent registriert wurde.
Der BBE-Index (fragen Sie mich nicht, wofür BBE steht - muss man offensichtlich wissen, denn alle zitieren BBE) für
das »Einzelhandelsklima« sank im Februar 2005 von 81,5 auf 76,4 Prozentpunkte:
»Die 100er Marke, die die optimistischen und pessimistischen Stimmen ins Gleichgewicht bringt, wird mehr und mehr zur Fata Morgana
am Horizont und ist auf lange Sicht nicht zu greifen«, so die BBE. Nur fünf Prozent der Einzelhändler nennen ihre Lage gut.
47 Prozent schätzen sie als »mittelmäßig« ein, 40 Prozent als »schlecht«, acht Prozent als
»sehr schlecht« . Nur jedes fünfte Geschäft (21 Prozent) meldet Umsatzzuwächse, etwa genauso viel
gleichbleibende Umsätze (22 Prozent). über die Hälfte der Händler (53 Prozent) verzeichneten Umsatzrückgänge.
Diese Zahlen beschreiben die Lage im gesamten deutschen Einzelhandel. Sie dürften auch die Situation des deutschen Sortimentsbuchhandels
widerspiegeln. Diese Einschätzung teilt auch Langendorf und prophezeit keine Besserung im März.
Seien wir ehrlich: Ein Stimmungsumschwung ist nicht in Sicht. Fastenzeit ist angesagt, Trübsinn wird geblasen. Welcher Verlag kann,
wenn er ehrlich seine Zahlen betrachtet, noch euphorisch Erfolge feiern?
Gewiss, es gibt auch Erfolge, Verlage, die ihre Position auf dem Markt verbessern konnten. Aber das kostet: Zeit, Nerven und Geld.
Wie gut verkaufen sich Bestseller?
Bestseller nennen sich heute Titel, die durchweg keine sechsstelligen Verkaufszahlen mehr erreichen. Sehr gut verkäufliche Titel
kommen nicht einmal auf 10.000. Wenn von einem Hardcover 4.000 Exemplare verkauft werden, ist das schon ein Riesenerfolg.
Jüngst bin ich über die Bestsellerliste »Romane, Unterhaltung, Belletristik« der Zeitschrift »Buchmarkt«
gestolpert, die mich in mehrfacher Hinsicht stutzig gemacht hat. Allein schon die Kategorie: Sind Romane keine Belletristik? Und:
Hier werden Hardcover und Taschenbuchausgaben wild durcheinandergewürfelt - meinetwegen.
Jetzt kommt's aber: Die Bestseller sind nach Umsatz sortiert, nicht nach der Anzahl der verkauften Exemplare.
Last not least: Die angegebenen Umsätze sollen die einer »durchschnittlichen Buchhandlung« in Deutschland mit 500.000 Euro
Jahresumsatz entsprechen, hochgerechnet auf drei Monate. »So kann sie jeder problemlos auf die eigene Umsatzgröße umrechnen«,
meint »Buchmarkt«. (Ermittelt werden die Daten übrigens von Media Control im Auftrag des Börsenvereins für den
Deutschen Buchhandel. Media Control zeichnet auch für die »Focus«-Bestsellerlisten
verantwortlich.)
Ich will Sie nicht langweilen, aber ich muss Ihnen erklären, wie ich an meine Zahlen gekommen bin.
Da heißt es im »Buchmarkt«, in der 6. Kalenderwoche des Jahres 2005 seien die Daten ermittelt worden, und - wie gesagt - sie
»sind auf ein Quartal hochgerechnet« worden. Um es nicht zu kompliziert zu gestalten, bin ich davon ausgegangen, dass sich der Titel
den ganzen Monat so gut verkauft hat, nicht nur eine Woche (was ja nicht stimmt - kann schon mal besser gewesen sein, aber auch schlechter).
Die Nr. 1 in der 6. KW war Dan Browns »Sakrileg«. Mit keinem anderen Titel im Bereich »Romane, Unterhaltung, Belletristik«
soll der deutsche Buchhandel mehr Umsatz erzielt haben: 272 Euro hochgerechnet auf das Quartal - heruntergerechnet auf den Monat 90,67 Euro
oder auf die Woche 22,67 Euro. Was die Sellerliste nach Umsätzen verschweigt: Das Buch kostet 19,90 Euro. Das ergibt durchschnittlich
1,14 Exemplare in der 6. KW. - oder knapp fünf im Monat bei 500.000 Euro Jahresumsatz.
Kein Knaller, die Nr. 1, aber was setzen die großen Buchhandelsketten um, war meine nächste Frage. Thalia macht schließlich
keine halbe Million Umsatz im Jahr, sondern anno 2003 fast 383 Millionen Euro. Ich komme bei der größten deutschen Buchhandelskette
auf knapp 3.500 Exemplare im Monat Februar (die Zahlen der 6. KW auf den Monat hochgerechnet, was eher optimistisch ist).
Die fünftgrößte Kette hätte 957 Exemplare verkauft: die Mayersche mit Hauptsitz in Aachen, die Nr. 9 Buch & Kunst
Dresden 602 Exemplare. Auf 326 Exemplare käme Stern in Düsseldorf (die Nr. 13), auf 119 Exemplare die Ferbersche in Gießen
(die Nr. 39), auf 60 Exemplare Deuerlich in Göttingen (Nr. 60), auf 33 Exemplare Jonscher in Osnabrück (die Nr. 80).
Und das auf der Basis des Umsatzes von 2003, den die Buchhandlungen selbst angegeben haben.
Die einen mögen das jetzt gewaltig finden, die anderen hätten vielleicht mehr erwartet. Kleiner Vergleich aus dem Jahr 2002:
Der damalige Bestseller Nr. 1 des deutschen Buchhandels wurde ganz anders vom Buchhandel bestellt (die Verkaufszahlen der Buchhandlungen liegen
mir nicht vor). Die damals noch nicht so große Thalia-Kette orderte 10.500 Exemplare im Februar 2002, die Mayersche knapp 3.500,
Buch & Kunst 1.850, Stern 600 ...
Die Nr. 2 in der Umsatzsellerliste der sechsten Kalenderwoche des Jahres 2005 war laut Media Control Frank Schätzings »Der Schwarm«
mit 214 Euro im Quartal bei einem Ladenpreis von 24,90 Euro. Macht genau 2,9 Exemplare für die durchschnittliche deutsche Buchhandlung
hochgerechnet auf den Monat - oder 2.194 für Thalia, 602 für die Mayersche, 379 für Buch & Kunst, 205 für Stern,
75 für Ferber, 38 für Deuerlich, 21 für Jonscher.
Die Nr. 20 der umsatzstärksten Titel war Yann Martels »Schiffbruch mit Tiger«, ein Taschenbuch für 9,90 Euro mit
durchschnittlich 46 Euro im Quartal für die Otto-Normal-Buchhandlung. Macht für Thalia 472 Exemplare, die Mayersche 129,
Buch & Kunst 81, Stern 44, Ferber 16, Deuerlich 8, Joscher - wir wollen es mal genau nehmen - 4,4 Exemplare und für die
Otto-Normal-Buchhandlung 1,5 Exemplare im Monat im Bereich »Romane, Unterhaltung, Belletristik«.
Bei derartigen Zahlen wird es schon sehr kritisch: Mit nicht einmal 500 verkauften Exemplaren im Monat ist ein Titel eigentlich nicht mehr
»zentrallagerfähig«. Ich könnte auch behaupten: Im literarischen Bereich entsprechen derzeit, glaubt man den Umsatzzahlen
von Media Control, nur drei Titel noch den Logistikanforderungen der großen Ketten. Alles andere verkauft sich zu schlecht, um zentral
gelistet zu sein.
Ich gebe zu, was die hochgerechneten Umsätze angeht, war ich etwas sprunghaft. Wie gesagt bei 500.000 Euro Jahresumsatz machte die Nr. 1
»Sakrileg« im Quartal 272 Euro, die Nr. 2 »Schwarm« 214 Euro, die Nr. 3 Crichtons »Welt in Angst« allerdings
nur noch 129 Euro, die Nr. 4 106 Euro, die Nr. 5 75 Euro, die Nr. 6 66 Euro ... die Nr. 20 46 Euro - im Quartal! Nicht im Monat, nicht in der Woche.
Welche Buchhandelskette kann, wenn sie ihre Zahlen betrachtet, noch vom Konzept ihres Zentraleinkaufs überzeugt sein? So kann das
eigentlich nicht funktionieren. Die Zahlen sind selbst bei Titeln, die als Bestseller gehandelt werden, zu niedrig.
Wie werden die Zentralisten darauf reagieren? Entweder werden sie in Zukunft noch stärker mit den beiden großen Barsortimenten
KNV und Libri kooperieren oder Jahreskonditionen mit den Verlagen bzw. ihren Auslieferungen vereinbaren. Letzteres sollte für
die Großbuchhandlungen lukrativer sein, wenn sie schlau sind.
Die Verlage und ihre Auslieferungen sollten die Lage jetzt richtig einschätzen. Angesichts sinkender Absatzzahlen pro Titel
müssen sie die Ketten doch nicht mit besseren Konditionen belohnen. Sie sollten stur an ihren bisherigen Konditionen festhalten
und keinesfalls für Kleinstbestellungen das gewähren, was einst für Großbestellungen des Zentrallagers galt.
Dem Druck nicht standhalten
Aber was rede ich: Viele Verlage haben die Hosen gestrichen voll ... bibbern um ihre Existenz, akzeptieren buchstäblich alles, was gefordert wird.
Es ist schon Usus, einfach zu remittieren - mit Genehmigung oder nicht. In der Regel ohne Zustimmung des Verlages bzw. seiner Vertreter.
Wenn die GVA sich dann weigert, eine Gutschrift zu erteilen, werden diese geschäftsschädigenden Praktiken des Großbuchhandels
nachträglich von manchem akzeptiert. Das sehe ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge (in dieser Reihefolge):
Ich bin enttäuscht über so wenig Rückgrat angesichts der Verrohung der Geschäftspraktiken - und kassiere:
Wenn eine Auslieferung eine Remission aus guten Gründen abwehrt, verdient sie keinen Cent. Beugt sie sich dem Druck ihrer Kunden
(in diesem Fall den Verlagen), klimpert es auch in ihrer Kasse - Remissionsgebühren werden fällig.
Mein eigener Verlag, Lamuv, zählt ja nun nicht zu den Großen dieser Branche. Er gewährt dem Großbuchhandel - da verrate ich
jetzt mal was - 47,5 Prozent Rabatt, Ketten maximal 45 Prozent ohne Partie, obwohl der Verlag nur niedrigpreisige Titel im Angebot hat,
für die Libri heute von Verlagen, die neu gelistet werden wollen, 52,5 bzw. 55 Prozent Rabatt fordert. Und alle großen Kunden
fragen immer noch artig bei Lamuv nach, ob sie etwas remittieren dürfen, weil nie eine Remissionsquote vereinbart worden ist.
Da kann sich der Verlag mal kulant zeigen - aber im Rahmen.
Sicher, ab und zu wird auch Lamuv gedroht (»Wenn nicht ..., dann nicht ...«), aber ich behaupte, das ist ohne Folgen.
Schließlich verdient keiner an Remissionen, weder der Kunde noch der Verlag - nur die Auslieferung. 200 bestellen, 100 verkaufen,
nach einem halben Jahr 80 remittieren wollen ... Da hat der Einkauf - heute Category Management genannt - versagt. Die Transportkosten
zahlt der Kunde (so ist es noch bei der GVA), die Lagerkosten ebenso, die Rücksendekosten noch oben drauf. Das kann sich für
den Kunden nicht rechnen.
Der Verlag verdient auch nichts: Auslieferungs- plus Remissionsgebühren. Das addiert sich schnell zu einem Nullsummenspiel.
Ich wiederhole mich, nur einer grinst: die Auslieferung. Sie kassiert in diesem Fall doppelt. Eine nur auf ihre eigene Interessen ausgerichtete
Verlagsauslieferung sagt sich: Sollen sie doch machen, was sie wollen! Wir verdienen dran. Weiter so!
Ich will dieses Thema nicht breit latschen. Nur noch eines: Bei der GVA gibt es das ganze Jahr über die Schnellschiene, die von
anderen nur im Weihnachtsgeschäft angeboten wird. Statt 200 Exemplare auf einmal kann ein Kunde jeden Tag 50 bestellen, wenn er sie
denn braucht - und hat sie morgen. Aber die EDV-Dispositionsprogramme der Großen ticken anders, sind auf andere Verkaufszeiträume
und längere Lieferzeiten der Verlage bzw. ihrer Auslieferungen eingestellt. Und das geht, wie gesagt, oft in die Hose.
Nichts Neues von den Großen
Soll ich noch weitere Geschichten über die Buchhandelsketten erzählen? Keine überraschung: Sie wachsen weiter, aber ob es
ihnen dabei gut geht - keine Ahnung! Thalia hat jedenfalls die Eröffnung von »mindestens« zehn neuen Läden in Deutschland
angekündigt: »Wir wollen renditeorientiert wachsen, sowohl durch Neueröffnungen als auch durch Akquisitionen, und so unsere
marktführende Position im deutschsprachigen Raum festigen und ausbauen. Mit den vorgesehenen Neueröffnungen verdichten wir unser
Filialnetz weiter und unterstreichen damit die Position der Thalia-Gruppe als einzigem flächendeckend in Deutschland vertretenen
Sortimentsbuchhändler. Damit entwickeln wir Thalia zu einer attraktiven Dachmarke für die Marken der Verlage. Unser Ziel ist,
mit Thalia zu einer ebenso starken Marke im Buchhandel zu werden, wie es Douglas im Parfümeriebereich ist. Thalia soll entsprechend
zu einem Ort der Inspiration und der Faszination werden - und das in allen Vertriebskanälen.« (Wer formuliert heute seine
Unternehmens- ziele noch so? Lassen Sie sich davon anregen und begeistern!)
Wer es nicht weiß: Thalia und Douglas sind Teil eines Konzerns, dessen zweitgrößter Aktionär der Bielefelder
Pudding- und Backpulver-Produzent Dr. Oetker ist. Der »Fels in der Brandung« (Fernsehwerbung), die Württembergische
Versicherung, ist drittgrößter Teilhaber. Da sitzt Kapital dahinter und ein Konzept: 2005 werden auch die österreichischen
und schweizerischen Filialen des Konzerns, die bisher anders firmierten, auf Thalia umgetauft.
Die Nr. 2 des deutschen Buchhandels, Hugendubel, kann da nicht mithalten und dürfte 2004 schon von der Nr. 3 im Jahr 2003, Weltbild,
überflügelt worden sein. Letzteres von der katholischen Kirche (genauer von zahlreichen Bistümern und der Militärseelsorge)
gesteuerte Unternehmen verfolgt ein ganz anderes Ziel: Marktführerschaft im Low-Price-Segment. In Kooperation mit dem Vatikan
(Papst-Bücher), Springers »Bild-Zeitung«, aber - wenn es sinnvoll erscheint - auch mit Hugendubel.
Über die anderen Ketten im deutschen Sortimentsbuchhandel muss man eigentlich nicht reden. Sie wollen zwar auch Größe beweisen,
aber das nimmt hier und da schon gefährliche Züge an. Manche scheinen ihre Kräfte zu überschätzen - und das kann
böse enden. Bouvier (Bonn/Köln etc.) und Schmorl & von Seefeld (Hannover, Osnabrück, Göttingen) lassen
grüßen. Oder Tom Kirsch von Buch & Kunst in Dresden, der Rambo des deutschen Buchhandels: Der Chefeinkäufer will es sich
mit allen verderben, mit Buchhandelsvertretern, Verlagen, der Konkurrenz. Er redet etwas zu laut. Wo wollte er nicht schon überall
mit seiner Kette den örtlichen Buchhandel im letzten Jahr aufmischen? Und wo ist er? Ich denke, er muss erst einmal ein paar Hausaufgaben
erledigen, seinen eigenen Stall auf Zack bringen, bevor er tollkühn der Mayerschen oder Thalia den Kampf ansagt. Buch & Kunst
weiß nicht einmal, welche Festkonditionen sie mit welchen Verlagen vereinbart hat, geschweige denn, welche Umsätze sie mit ihnen erzielt.
Im Niedrigpreisbereich regiert Weltbild, unter anderem auch mit Jokers. Dagegen kann keiner mehr anstinken.
Die Kaufhauskonzerne Karstadt und Kaufhof haben die Entwicklung der letzten Jahre völlig verpennt, wirtschaften weiter ab.
Dagegen können die »Spezialisten« wie Schweitzer Sortiment, Lehmanns oder die Sack Mediengruppe im Fachbuchbereich ihre Stellung
ausbauen - ohne mit Thalia, Hugendubel, Weltbild & Co. direkt konkurrieren zu wollen.
Im Bahnhofs- und Flughafenbuch- und -zeitschriftenhandel ist nichts mehr zu holen. Einige wenige auf diesen Bereich spezialisierte Ketten
haben den Kuchen unter sich aufteilt - rangeln noch ein wenig untereinander. Thalia, Hugendubel, Weltbild & Co. halten sich aus diesen
Bereich völlig heraus. Nur die Sortimenter Wittwer (Stuttgart) und Schmitt (Heidelberg) mischen da noch mit. Marktführer in diesem
Bereich ist die Schweizer Valora-Gruppe (Stilke, Sussmann, BHG) mit 23 Prozent, gefolgt von Schmitt (13 Prozent) und der Dr.-Eckert-Gruppe
(Ludwig, PSG, Welter) sowie HDS Retail (jeweils 12 Prozent). Wittwer bringt es auf sechs Prozent, während alle anderen Mitbewerber
zusammen 34 Prozent machen.
Was oft bei Marktanalysen vergessen wird: die äußerst bedeutende Rolle der Zwischenbuchhändler KNV und Libri, die eine
wesentlich größere Marktmacht besitzen als die Nr. 1 des Sortiments Thalia - und die Rolle des Bertelsmann-Konzerns als
größter Verleger und Auslieferer der Republik.
Es gibt noch was zu lachen
Dieter Schormann: Den Mann kennen Sie nicht? Das enttäuscht mich. Erstens habe ich schon das eine oder andere Mal über ihn
geschrieben. Zweitens ist er unser aller Häuptling. Die widerstrebenden Interessen im deutschen Buchhandel sind unter seiner
Federführung friedlich vereint, obwohl - wenn ich mich nicht irre - der Gießener Buchhändler zuletzt mit den wenigsten
Stimmen aller Zeiten zum Vorsteher des Börsenvereins für den Deutschen Buchhandel gewählt worden ist. Keine zehn Prozent
der Mitglieder votierten für ihn im letzten Jahr. Last not least: Er sieht auch noch gut aus.
Der Vorsteher vertritt unsere Interessen auf höchster Ebene. Ich möchte den »Gießener Anzeiger« vom 24.2.2005 zitieren:
»Dieter Schormann macht es einem leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Der Inhaber der Ferber'schen Universitätsbuchhandlung
und Vorsteher vom Börsenververein des Deutschen Buchhandels trägt stets eine Fliege in auffälliger Farbe und einen dazu passenden
Schal. Sein Markenzeichen bemerkte auch George W. Bush, zu dessen Besuch der Gießener Buchhändler als einer der wenigen Gäste
eingeladen war. »Sie tragen eine wundervolle Farbe, das ist ein sehr schönes Blau«, sagte der US-Präsident, natürlich
auf Amerikanisch und mit texanischem Dialekt, als sie gestern zum Mittagessen aufeinander trafen. Kurz nach sechs Uhr war Dieter Schormann
in Gießen aufgebrochen. Am späten Vormittag sollte er in seiner Funktion als Vorsteher des Börsenvereins zusammen mit der
amerikanischen First Lady, Laura Bush, und Kanzler-Gattin Doris Schröder-Köpf für ein Gespräch über Leseförderung
zusammenkommen. »Es war schon sehr gespenstisch, die Autobahn und die Wasserstraßen leer zu sehen.« Er fuhr vorbei an
»den mutigen Demons- tranten, schließlich war es ja eiskalt am Morgen«. Und alles sei sehr grün gewesen, trotz des Schnees,
durch die Präsenz von 10.000 Polizisten. «Der kleine Schneefall hat das wieder ein wenig gedämpft, das hatte dann eine weihnachtliche
Stimmung», berichtet er am Nachmittag im Anzeiger-Gespräch.
Mainz habe einer Geisterstadt geglichen. »Es war so, als hätten die Mainzer eine schlechte Nachricht empfangen und alle hätten
vorübergehend ihre Geschäfte geschlossen.« Imposant empfand der Gießener vor allem das Ausmaß des Personals,
das für den Besuch unterwegs war. »Da fragt man sich, wie die Kommunikation klappen sollte, ich bin auch erst einmal hin- und hergeschickt
worden, bevor ich über die Sicherheitsdienste eingeschleust wurde, weil jeder eine andere Order hatte.« Trotz dieses Aufgebots sei
die Atmosphäre insgesamt äußerst locker gewesen.Um elf Uhr traf Dieter Schormann in einem abgeteilten Raum des Germanisch-Römischen
Museums mit der Kanzler-Gattin auf Laura Bush, von der er im Nachhinein nur schwärmen kann. »Sie ist eine wahnsinnig sympathische
Persönlichkeit mit einer großen Ausstrahlung.«
Eineinhalb Stunden lang fragte die Präsidenten-Gattin neben Doris Schröder-Köpf und Dieter Schormann auch Petra Gerster,
Vertreter der Körber- Stiftung sowie die Autoren Jutta Richter und Paul Maar über das Thema Leseförderung in Deutschland aus und
berichtete von ihren Erfahrungen in den USA. »Es war ein sehr offenes Gespräch«, beschreibt er die Situation. Zudem sei sie
hocherfreut über die Anwesenheit des Gießener Buchhändlers gewesen, »weil sie selbst ausgebildete Bibliothekarin ist,
also eine große Nähe zu unserer Branche hat«. Danach folgte ein Empfang mit 100 Gästen aus dem gesellschaftlichen Leben
von Roland Koch bis Kardinal Lehmann. »Als ich Thomas Gottschalk begrüßte«, berichtet Schormann amüsiert, sagte er:
»>Na ja, Schormann, wir beiden sind ja wohl die bestangezogensten Männer, wir müssen nur noch ausgucken, wer von uns beiden.<«
Auch mit US-Außenministerin Condoleezza Rice konnte der Buchhändler einige Worte wechseln. »Bei einer so kleinen Gruppe kommt
man natürlich auch schneller an die Persönlichkeiten heran, wenn man eine Dreiviertelstunde Zeit hat, bevor es zum Essen geht.«
Das war im Kurfürstlichen Schloss von drei Spitzenköchen zubereitet worden. Der Bundeskanzler hielt zuvor eine launige Rede, prostete
dem Präsidenten mit einem unsichtbaren, weil fehlenden Glas zu. Ein Gruß, den Bush mit seinem imaginären Glas gut gelaunt erwiderte.
»Man hat das ja manchmal, dass es bei solchen Anlässen steif zugeht, aber das war hier nicht der Fall, es war ein sehr ungezwungenes Essen«,
beschreibt Dieter Schormann die Stimmung. Dieser Tag sei in seinem Buchhändler- und Vorsteherleben etwas Außergewöhnliches gewesen,
»unabhängig von der Politik von Herrn Bush, darum geht es hier nicht, sondern darum, dass wir Gastgeber für einen der bedeutendsten
Repräsentanten der Welt sind und es unsere Aufgabe ist, als Gastgeber positiv in Erinnerung zu bleiben«.«
Auch die »Wetzlarer Zeitung« hat dieses Ereignis aufgegriffen:
»»Was haben Sie für einen wunderbaren Schal?«, fragt der mächtigste
Mann der Welt den obersten deutschen
Buchhändler, Dieter Schormann.
Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels aus Gießen ist eine der
über 100 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, die mit US-Präsident George W. Bush und Bundeskanzler
Gerhard Schröder (SPD) im Mainzer Schloss zu Mittag essen. Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt Schormann wenig später,
was sich an diesem außergewöhnlichen Tag in seinem Leben abgespielt hat, an dem er selbstverständlich auch sein Markenzeichen
trug - einen Schal in auffälliger Farbe. »Diesmal habe ich den blauen Schal genommen. Die Farbe der Republikaner von George W. Bush
ist das Rot, da wollte ich nicht mit dem Präsidenten konkurrieren«, erklärt Schormann seine Auswahl.
Der kurze Wortwechsel mit dem mächtigsten Mann der Welt - »Bush war sehr locker und heiter« - leitete gestern bereits das zweite
Treffen des Börsenvereinsvorstehers mit der Familie Bush ein. Am Morgen hatte er über eine Stunde mit der First Lady der USA, Laura Bush,
über Projekte der Leseförderung in Deutschland und den USA gesprochen.««
Danke
Lieber Herr Schormann: Ich habe sehr viel an Ihnen herumgemäkelt, aber jetzt nehme alle Kritik an Ihnen zurück. Sie haben unseren
Berufsstand würdig vertreten und dafür gesorgt, dass unsere Branche Ihre Leistungen honoriert (das »Börsenblatt« hat
umgehend über Ihren Einsatz berichtet). Wir werden dies nie vergessen.
Nur schade, dass der Schröder Sie nicht auf seine jüngste Arabienreise mitgenommen hat. Schließlich war doch Arabien zuletzt Messeschwerpunkt.
Darüber sollten Sie mal mit Doris reden, der Frau an seiner Seite. Die Sonderbeauftragte für Leseförderung.
Übrigens, die Doris ist voll sympathisch. Kann ich bestätigen, wenn ich das einflechten darf: Als ich meine Kinder vor vielen,
vielen Jahren mal in Hannover allein in den Zug setzte, bestieg die Köpf (so hieß sie damals noch) denselben Waggon (2. Klasse) und bot
sich an, auf meine Kleinen aufzupassen. War nicht nötig. Erstens kannten meine Gören die Strecke, zweitens hatten sie Lesestoff im
Gepäck, und drittens habe ich Doris nicht verraten, bei wem sie sich melden soll, wenn es Trouble gegeben hätte. Meine Kinder glauben heute
noch nicht, dass Gerhard seine spätere Frau ein Auge auf sie werfen wollte. Ist aber echt wahr.
Und nun?
Lieber Dieter Schormann, ich gebe unumwunden zu, Ihre Storys sind besser als meine. Wenn Sie wollen, veröffentliche ich Ihre. Wir müssten
allerdings noch über eine angemessene Honorierung verhandeln ... und eine Festabnahme.
Ich bin sicher, irgendwann kommen wir noch mal zusammen. Und dann entwerfen wir einen großen Plan ... Und Sie beraten mich. Denn im Auftreten
bin ich immer noch sehr unsicher, besonders in der Frage der Farbgebung.
Aber das ist ja mein Reden: Wir müssen kooperieren ... Falls wir gemeinsame Interessen verfolgen. Könnten uns Briefe schreiben,
wie Opposition und Kanzler jüngst. Unsere Köpfe zusammenstecken. Wir Mittelständler ...
Mensch, manche Konzerne schwächeln (Karstadt & Konsorten). Das ist doch unsere Chance. Aber, ich verstehe es nicht, warum Sie, die
Nr. 39 im deutschen Buchhandel, in Ihrer Einkaufspolitik bei der Ferberschen nur auf die Großen setzen. Weil Sie vor Ort keine Konkurrenz haben?
So ein Verhalten gegenüber kleineren Verlagen kenne ich von keiner Buchhandlung in so einer großen Universitätsstadt.
By the way, die GVA-Verlage haben viele Titel im Angebot, von denen die Ferbersche fünf Exemplare und mehr im Monat verkaufen könnte.
Wir können Ihnen Bestseller anbieten. Vielleicht reden Sie mal mit Ihrem Category Management und dem einen oder anderen Vertreter der GVA-Verlage.
Oder trauen die sich gar nicht mehr in Ihren Laden? Haben Sie etwa den gleichen Unternehmensberater wie Tom Kirsch von Buch & Kunst?
Die beste Nachricht
Irgendwer von diesen Umsatztestern will doch festgestellt haben, dass die Leselust unter den Deutschen nach etlichen Jahren des Rückgangs
2004 wieder deutlich zugenommen hat. Offensichtlich haben die aber fast nur diese Billig-Bände der »Süddeutschen Bibliothek« oder
von Weltbild/BILD gekauft - alte Seller, neu aufgelegt. Und darüber jammert jetzt die Branche. Zehn Millionen Bände der »Süddeutschen
Bibliothek« sollen bisher verkauft worden sein, von der »Bild«-Bestseller-Bibliothek mehr als 2,5 Millionen. Das läuft auf einen
Bruttoumsatz von rund 62 Millionen Euro hinaus - in etwa dem Doppelten oder Dreifachen, was der fünfte Band von Harry Potter eingebracht hat.
Sollten 2004 Millionen von Deutschen erstmals wieder ein Buch gekauft (und hoffentlich auch gelesen) haben, freut mich das sehr. Da ist es mir schnuppe,
ob sie ein Schnäppchen erstanden haben, in die Stadtbibliothek gegangen sind oder ein Freund, eine Freundin ihnen ihr Exemplar ausgeliehen oder
geschenkt hat. Denn Lesen kann zur Sucht werden, fängt man erst einmal damit an.
Meine Mutter hatte Jahrzehnte keine Zeit, ein Buch zu lesen - mit vier Kindern usw. usf. Seit die Kinder aus dem Haus sind, sie die ersten
Glückserfahrungen bei der Lektüre eines Buches hatte, hat sie den Fernseher abgeschafft. Sie schleppt ihre Bücher, nachdem sie sie
gelesen hat, in die Stadtbücherei und stiftet sie. Oder gibt sie an Freunde weiter. Denn sie besitzt kein Buchregal. Sie will, dass sich
Bücher bewegen, dass sie gelesen werden. Und - das finde ich fast schon irre - sie geht in Seniorenheime und liest vor. Am liebsten auf
Plattdeutsch. (Aber das wiederum ist eine ganz andere Geschichte.)
Meine Mutter hat für sich sehr spät das Lesen entdeckt. Es hat ihr Leben seitdem ungeahnt bereichert. Und sie hat angefangen, über
Themen zu sprechen, die ich von ihr nicht kannte. Sie las eine Erzählung von Bernhard Schlink über eine ehemalige KZ-Aufseherin, »Der
Vorleser«? Und darauf fing sie an, zu erzählen, dass sie 1945/46 als 14-/15-Jährige auf einem Bauernhof eine Hauswirtschaftslehre
machte - ihre Kolleginnen waren ehemalige KZ-Aufseherinnen aus Bergen-Belsen. Lesen kann befreien, kann ich da nur sagen.
Aber es gibt auch schlechte Bücher, mit denen sich meine Mutter quält. Ich sage ihr dann: »Komm, das musst Du Dir nicht antun! Leg es
weg!« Das fällt ihr aber schwer. Denn jedes Buch ist für sie wertvoll.
Bei meinen Kindern ist das nicht anders: Es müssen nur die richtigen Bücher sein, die begeistern. Das können uralte Sachen sein.
Ist doch egal - solange sie sie verschlingen. Es dauert nicht lange, dann wollen sie neues Lesefutter ... gehen selbst auf die Suche.
Es sind nicht die Bestseller, sondern die »Lebensbücher«, nach denen jetzt auch geforscht wird. Die Lektüre, die den Kick gibt,
weiter zu lesen. Bei meiner Mutter war es natürlich ein Lamuv-Buch: »Die Boote fahren nicht mehr aus - Bericht eines irischen Fischers«
von Thomas O'Crohan. Bei meinem 19-jährigen Sohn, einem kleinen IT-Junkie, zuerst Michael Moore, jetzt Tolkien ... immer gleich die gesammelten Werke
... letztere »gebraucht« erstanden über Amazon. »Sahen nicht so aus«, so sein Kommentar.
Lesern ist es wurscht, wie sie an ihren Stoff kommen - Hauptsache er ist gut und möglichst preiswert. Und wenn sie auf den Geschmack gekommen sind,
sie ihre Vorlieben entdeckt haben, schauen sie auch nicht mehr so stark auf den Preis. Eine Konzert- oder Theaterkarte kostet heute wesentlich mehr -
ein Vergnügen für zwei, drei Stunden. Dagegen ist Belletristik, ob Hardcover, Taschenbuch oder »SZ-Bibliothek«, ein Tage
füllendes Schnäppchen.
Betrachten wir das Vergnügen doch aus der Perspektive der »Zielgruppe«. Freuen wir uns über jeden, der das Lesen wieder entdeckt.
Das ist fast so wie mit dem Essen: Mein Sohn isst keinen Käse, keinen Fisch und vieles andere nicht. Im Fast-Food-Zeitalter macht es mir einen
Heidenspaß, ihm mal versteckt etwas auf den Teller zu bringen, was ihm schmeckt. Bloß nicht den Fehler machen, ihm vorher erklären
zu wollen, was er da zu sich nimmt. Manche Leckerei muss man ihm schlicht unterjubeln.
Was ist daran zu kritisieren, dass offensichtlich ein paar Millionen bisherige Buch-Nichtkäufer für 4,95 Euro ein Buch erstanden haben? Nüscht!
Im Gegenteil: Mein Sohn ist zum Hardcover-Fan geworden. Paperbacks und Taschenbücher sind vom Handling beim Lesen einfach schlechter, meint er.
Nur Käse isst der Kerl immer noch nicht. Obwohl mein Opa ein Käsegeschäft hatte. Aber die erste Hürde ist genommen: Frischkäse und
Quark mag er mittlerweile.
Was lernen wir daraus? Es ist alles eine Frage des Geschmacks. Und man muss es nur mal probieren. Ob es ein billiger junger Gouda ist oder ein teurer
reifer Appenzeller, ein Hardcover für 4,95 oder was Neues für 24,90, Fischstäbchen oder Schillerlocken.
Ein Problem des deutschen Buchhandels scheint mir zu sein, dass er nicht mehr von der Qualität seiner Ware überzeugt ist. Wenn's dem
Händler aber schon nicht mehr schmeckt, kann er dem Käufer auch nichts mehr empfehlen. Dann entscheidet nur noch der Preis.
Der Käufer freut sich immer über Schnäppchen - sucht aber eigentlich Qualität. Darum stagniert das Geschäft mit dem Modernen
Antiquariat. Auf der Billigschiene kann man heute in Vergessenheit geratene Ex-Seller neu anbieten. Aber mit wirklichem Ramsch, echten Ladenhütern,
kann keiner etwas verdienen. Der landet meist irgendwann bei der Rohstoff- rückgewinnung. Immerhin nicht im Müll. Und begegnet uns vielleicht
wieder - äußerst selten als Buch, vielleicht als Küchentuch oder im Abort.
Sie meinen, das sei bitter?! Ich finde, ein zweites Leben für ein nicht verkauftes Buch, das ist doch was. Dürfen Verleger solche Hoffnungen hegen?
Schöne Grüße aus Göttingen
Ihr Karl-Klaus Rabe
GVA Gemeinsame Verlagsauslieferung Göttingen GmbH & Co. KG
Postfach 2021, 37010 Göttingen